Politikbeobachtungen aus Europa

Kennen Sie den nachhaltigsten Rohstoff Europas?

Tanzprojekt Gizella Hartmann (Foto: Mathias Wunderlich)

Tanzprojekt Gizella Hartmann (Foto: Mathias Wunderlich)

Die aktuelle Finanzkrise lässt, interpretiert man die Zeichen richtig, den Schluss zu, dass in den Kulturbudgets der europäischen Länder bereits in den nächsten Monaten der Rotstift angesetzt werden wird. In der freien, unsubventionierten Privatwirtschaft ist die Krise im Kunst- und Kulturbereich bereits angekommen. Mit einigem Nachdenken wird deutlich, dass eigentlich jede und jeder, die oder der sich im Kulturbetrieb engagiert, im Moment sämtliche Alarmglocken läuten hören muss, die da verkünden: die Zeiten werden noch härter, das Geld wird noch spärlicher fließen.

In Kunst und Kultur darf nach meiner Meinung, egal wie sehr die Gürtel enger zu schnallen sind, niemals weniger investiert werden. Wer dies anstrebt oder gar tut, handelt fahrlässig und ist sich der Tragweite dieser Entscheidung nicht bewusst. Die politische Frage angesichts einer angespannten wirtschaftlichen Lage kann nicht heißen, wo können wir bei Kunst noch einsparen, sondern viel mehr, was passiert eigentlich, wenn wir bei Kunst einsparen?

Kunst stellte eine der wichtigsten Ressourcen in Europa dar. Es handelt sich dabei um eine Ressource, die, je mehr man sie fördert, umso üppiger nachwächst, je mehr man in sie investiert, eine umso höhere Umwegrentabilität zeigt und je länger man sie vor Ort hegt und pflegt, umso nachhaltiger auf die kommenden Generationen wirkt.

In Europa finden 5,8 Millionen Menschen Beschäftigung im Kunst- und Kulturbereich, was einer höheren Beschäftigungszahl entspricht, als Griechenland und Irland gemeinsam an Beschäftigten insgesamt vorweisen können. Doch nicht nur Künstlerinnen und Künstler, egal welcher Couleur verdienen ihr Geld in diesem Segment. Vielmehr gibt es eine lange „Wertschöpfungskette“ in welcher Kunst als Wirtschaftsgut auftaucht. Selbst Spediteure und Finanzbeamte sind ein Teil davon, ohne sich dessen selbst wirklich bewusst zu sein.

Kunst muss aber auch unter dem Gesichtspunkt der sozialen Notwendigkeit gesehen werden. Es gibt Beispiele, wie jenes von Gizella Hartmann, einer Düsseldorfer Tänzerin, die mit ihren Tanzprojekten in Brennpunktschulen mit einem hohen Ausländeranteil den Kids und Teens eine Möglichkeit gibt, vielleicht zum ersten Mal ihr Lebensgefühls adäquat in einem kreativen, künstlerischen Prozess auszudrücken. Sowohl die Persönlichkeitsentwicklung jeder und jedes Beteiligten als auch die Gruppen in sich gehen deutlich gestärkt aus diesen Projekten hervor. Es gibt viele, die in letzter Zeit ihren Arbeitsplatz verloren haben und materiell nicht üppig abgesichert sind. Die meisten von ihnen beziehen zum Glück soziale Leistungen und haben zumindest ein Dach über dem Kopf und genügend zu essen. Was ihnen jedoch oft fehlt, ist die soziale Einbindung und der Gedankenaustausch mit anderen. Uneingeschränkter Zugang zu kulturellen Ereignissen mit dementsprechend offener Kommunikation und ohne den Aufbau von Schwellenängsten zu Veranstaltungen trägt aktiv dazu bei, dass gerade Menschen in Lebenssituationen, in denen sie sich finanziell benachteiligt fühlen, sich wenigstens in ihrem Menschsein nicht sozial isoliert fühlen müssen.

Politikerinnen und Politiker müssten erkennen, dass eine lebendige Kunst- und Kulturlandschaft den Bildungs- und Meinungsprozess der Menschen vehement fördert und müssten dies lautstark begrüßen. Gerade wenn Kunst uns irritiert oder verunsichert, wenn wir über die Intention der Künstlerin oder des Künstlers debattieren und diskutieren, entsteht ein demokratisches Bewusstsein.

Es gibt nur zwei Gründe, warum politische Entscheidungsträger bei einem  Kunstbudget einsparen wollen: Erstens, sie haben die komplexen Zusammenhänge, in denen sich künstlerischer Ausdruck bewegt, nicht einmal in den Ansätzen begriffen, oder zweitens, was noch schwerer wiegt, sie kürzen dann, wenn mündige Bürger nicht gewollt sind. Mehr Verständnis und mehr Diskussionen über Kunst und die Lebensentwürfe und –welten jener, die Kunst produzieren, führen automatisch zu mehr Mündigkeit und kritischer Reflexion. Wenn es jedoch Bestrebungen gibt, genau diese Mündigkeit nicht weiter zu entwickeln, dann verstehe ich die Reaktion des Kunst- und Kulturbudgetkürzens völlig. Denn dann kann es nur heißen:  „Weg damit, weg mit der Kunst, die das Denkvermögen fördert und aus unmündigem Wahlvolk mündige Bürger macht, die selbstbestimmt leben möchten und nicht alles und jedes hinterfragen, was in politischen Gremien entschieden wird.“

Auszug des Textes: Eine Brandschrift wider Kürzungen in den Kulturbudgets. Der komplette Text ist nachzulesen unter: http://european-cultural-news.com/eine-brandschrift-wider-kurzungen-in-den-kulturbudgets/

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